Bericht unserer Autorin und Läuferin Christiane vom Stadtlauf in Nürnberg:
Ganz in Orange ist Nürnberg rund um die Oper den ganzen Samstag lang getaucht. Anlass ist der 9. Stadtlauf, der auf den Distanzen 6,1 Kilometer, 10 Kilometer und Halbmarathon mehrere tausend Läuferinnen und Läufer anzog – natürlich alle im orangen Funktionslaufshirt des Namenssponsors Sport Scheck.
Dieses und den Startbeutel, der ansonsten keine nennenswerten Beigaben mehr bereit hielt, hatte ich am Vortag in der örtlichen Sport Scheck-Filiale abgeholt, ein Vorgehen, das ich ob des Rummels im Start-/Zielbereich am Veranstaltungstag unbedingt empfehlen würde.
Hätte ich nicht am selben Wochenende an einer anderen Veranstaltung in Nürnberg teilgenommen, wäre ich wohl nicht so weit für einen Halbmarathon gefahren. Wahrscheinlich wäre ich gar keinen mehr gelaufen so spät in der Saison. Jetzt aber hatte ich mich die ganzen letzten Tage mit dem Gedanken geplagt, wie diese Strapaze wohl in meinem derzeitigen Zustand zwischen Restmotivation und Unlust zu bewältigen sei. Wenn alles extrem gut liefe, könnten weniger als 1:30 Std. Zielzeit drin sein und damit eine Platzierung, aber auch mit 1:40 bzw. einem Schnitt von 4:45/km könnte ich noch zufrieden sein.
Ich mag keine Läufe, auf die ich nicht perfekt vorbereitet bin. Mit entsprechend weichen Knien begebe ich mich am Veranstaltungstag fußläufig von der Jugendherberge zum Start. Das Wetter ist schön für Anfang Oktober und mit rund 20°C auch viel wärmer, als ich es erwartet hatte. Schon in meine Laufsachen gekleidet muss ich mich wenigstens nicht mehr umziehen, was nicht schön gewesen wäre in durch Stellwände abgetrennten Teilen einer Tiefgarage. In selbiger – direkt unter dem Start-/Zielbereich – erfolgt auch die Kleiderbeutelabgabe bzw. -ablage, denn die Sachen werden von Freiwilligen zwar bewacht – wo man sie hingelegt hat, muss sich allerdings selbst gemerkt werden. Mit nur noch 30 Minuten bis zum Start wäre es jetzt auch zu spät für einen Gang zur Toilette: wie so oft bei Stadtläufen reicht die Dixie-Kapazität bei weitem nicht aus.
20 Minuten vor Beginn ist auch der Startbereich schon reichlich gefüllt. Ich bewege mich durch die Menge bis auf 5 Meter an die Startlinie heran, was ich bei meiner angestrebten Zielzeit und angesichts der vielen Gelegenheitsläufer für eine angemessene Ausgangsposition halte. Nur gut, dass das Wetter für einen Herbstmonat mit rund 20 Grad recht warm und die Stimmung unter den Laufwilligen recht locker. Ein Moderator des Bayrischen Rundfunks versucht, diese mit lockeren lokalpatriotischen Sprüchen anzuheizen. Vor dem Herunterzählen des Countdowns übt er dann auch noch mit den „Schlachtenbummlern“ – Zuschauern mit Tröten und Trillerpfeifen, das richtige Anfeuern.
Unter begeistertem Bohei, Klatschen und Anfeuerungsrufen gehen wir schließlich pünktlich auf die Strecke. Laut Veranstalter beinhaltet diese keine besonderen Schwierigkeiten, und in der Tat ließ sich die 10er-Runde, die von Kilometer 2 bis 8 längs eines Sees in einem Naherholungsgebiet verläuft, sehr angenehm unter die Füße nehmen. Zu angenehm, wie ich im Rückblick selbstkritisch anmerken muss, denn den ersten Kilometer auf einer breiten, halb abgesperrten innerstädtischen Straße absolvierte ich in 3:52 und den zweiten mit Überwindung einer flachen Brücke in 4:00. Eindeutig zu schnell.
Da ich aber im gezielten Bremsen nicht sonderlich gut bin, und eine andere (sehr weit vorn liegende) Frau offensichtlich mühelos in Sichtweite lief, kümmerte ich mich ab nun etwas weniger um meine Uhr und ließ es einfach laufen. Auf dem geschotterten Weg längs des Wöhrder Sees, der aus diesem Blickwinkel wie ein Fluss aussieht, fällt das Vorankommen leicht, und die Zuschauer, von deren Zahl und Begeisterung ich angenehm überrascht bin, tun mit rhythmischem Klatschen und Anfeuerungsrufen ihren Teil dazu, mich das große Ziel (noch) nicht aufgeben zu lassen.
Kurz vor Kilometer 5 dann das ängstlich erwartete Highlight. Rechts ragt an dieser Stelle etwas bizarr ein völlig rundes Hochhaus hinter der Überführung hervor. Diese gilt es auf geschlungenen Wegen zu besteigen, um sich später auf steilem, kurvenreichem Pfad dem gegenüberliegenden Seeufer anzunähern. Auf Asphalt, größtenteils im Schatten alter Bäume, geht es dann 3 Kilometer zurück in Richtung Innenstadt.

Dort angekommen, gilt es zunächst, sich durch einige kurvige Unterführungen zu schlängeln, bevor sich uns Läuferinnen und Läufer der mental wohl schwierigste Teil der Strecke erwartet: eine vergleichsweise enge Kopfsteinpflaster-Straße mit einer Neigung von geschätzten 10 Prozent. Ich jedenfalls hätte spätestens hier den Mut verloren, hätte mir ein lokaler Laufbekannter nicht am Vortag eben diese Stelle gezeigt und auch, dass der Anstieg bald in die flache Endschleife durch die Altstadt übergeht. Ich stürze mich also in die Häuserflucht, lege – zumindest im Vergleich zu den mich umgebenden Läufern – noch einen kleinen Zahn zu, und stehe nach einer Rechtskurve unvermittelt zwischen den Fachwerk- und 50er-Jahre-Bauten der Nürnberger Innenstadt.
Der Punkt, bis zu dem das Laufen angenehm ist, ist zu diesem Zeitpunkt für mich allerdings längst überschritten. Mein Atem geht merklich schwer, und meine Beine nehmen längst keine Kommandos mehr von mir an in Sachen Tempo oder gar Richtung und Trttsicherheit. Mit dem Klatschen und Rufen des Publikums im Ohr wird mir dieser Zustand schmerzlich bewusst, als ich abwechselnd über Kopfsteinpflaster und Betonplatten in großen Bögen durch den Innenstadtbereich hetze. Hinzu kommt das elende Warten auf die Markierung von Kilometer 9, das aber wahrscheinlich kein technischer oder Vermessungsfehler ist, sondern nur ein weiterer Ausdruck meiner Erschöpfung und des Wunsches „Möge es endlich vorbei sein!“ Irgendwann kommt dann das ersehnte Schild doch in Sicht, und ich strebe, immer wieder beklatscht von Zuschauern in diesem Streckenbereich, auf die „mentale Hälfte“ der Strecke zu.
Die Markierung für Kilometer 10 befindet sich auf einem unter Straßenniveau auf einem Weg, der Parallel zum Frauentorgraben mit dem Start- und Zielbereich verläuft. Bei etwas über 43 Minuten stapfe ich über die Matte unter dem orangefarbenen Start- und Zielbogen, unterdessen der Sprecher den Zuschauern erklärte, dass die nun folgende zweite Runde etwas länger sei als die erste. Damit lenkt er auch meine Aufmerksamkeit wieder auf die Streckenführung.
Deren Veränderung auf der nun folgenden Runde ist unspektakulär: Hinführung zur Seeaue über einige andere Straßen und ein weiterer gelaufener Bogen jenseits des vorherigen Wendepunktes. Einzig: ich kann nicht mehr, nehme mir vor, bis Kilometer 14 („zwei Drittel der Strecke“ in meinem inneren Selbstmotivations-Gespräch) auf mein geplantes Tempo von 4:45/km herunterzugehen. Es gelingt mir nicht.
Am Getränkestand kurz vor der magischen 14 entscheide ich mich bei der Auswahl zwischen Iso und Wasser wie immer für Wasser. Wichtiger als die physische Stärkung ist jetzt aber eindeutig die motivationale Unterstützung: wie überall im Park, stehen auch hier nicht wenige Zuschauer und spenden, unterstützt von Passanten, die die sich spontan für das Sportspektakel vor ihren Augen begeistern, reichlich Applaus und guten Zuspruch, so dass der Rest der Strecke mir auf einmal weniger unerträglich erscheint.
Jenseits von Kilometer 16 sinkt dann – jetzt ungewollt – auch mein Tempo. 4:32/km ist das höchste der Gefühle, gegen Ende muss ich mich sogar für 4:50 schon merklich anstrengen. Bei Kilometer 18 werde ich – auf Platz 5 oder 6 der Damen liegend – von einer Läuferin mit den Worten „Na, schaffen wir’s noch?“ überholt. Mein zweckoptimistisches „Ja“ quittiert sie mit ruhigem Durchziehen in dem Tempo, das ich bis vor kurzem nicht verlassen konnte, und das zu halten mir jetzt unmöglich ist.

Dann noch mal die kopfsteingepflasterte innerstädtische Steigung. Ich gebe noch mal ein kleines bisschen Gas, da ich mich „am Berg“ eigentlich immer für ganz gut gehalten habe, sammele auch tatsächlich noch einige der vor mir Laufenden ein, und fiebere ab jetzt den Kilometerschildern 19 und 20 und dem Ziel entgegen. Kurz vor dem Ziel auf der tiefer liegenden Straße ein Spurtversuch: abgebrochen, es ist nichts zu machen, die Beine wollen nicht mehr. Auf der Zielgeraden dann, angesichts des großen, orangen Zieltors geht dann doch noch was, und ich renne unter dem Applaus der tobenden Menge doch noch an der Läuferin vorbei, die mich vor einigen Kilometern überholt hatte. Angekündigt als 4. Frau, werde ich am Ende laut Netto-Zeit mit sehr knappem Abstand 7. Frau sein.
In meinem jetzigen Zustand ist das jedoch erst einmal egal. Froh, den Lauf hinter mich gebracht zu haben, nehme ich dankbar das Angebot von Wasser und Ios an, das in reichlicher Menge direkt hinter dem Ziel steht. Während die Kräfte zurückkommen, ist so gleich auch noch Zeit und Gelegenheit für einen lockeren Plausch mit anderen Teilnehmern.
Wieder bei Kräften, nehme ich dann auch noch am wirklich lohnenden Teil des „Zielbüffets – alkoholfreies Bier, Müsliriegel und Strudel sowie Äpfel – teil, das in einem großen, abgetrennten Innenhof unweit des Ziels kredenzt wird. Und mit dem Nachlassen der Erschöpfungssymptome wird mir auch klar, dass es ein in jeder Hinsicht toller Lauf war: eine unerwartet schöne Strecke, angenehmes Laufen ohne Gedrängel und Gerangel, ein allgegenwärtiges, herzliches Publikum und nicht zuletzt eine unerwartet gute Zielzeit. Bei Gelegenheit gern wieder!
Bewertung (1Stern=Startgebühr nicht gelohnt, 6 Sterne absolut empfehlenswert)
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| Anspruch: | ![]() ![]() ![]() (4 von 6) |
| Organisation: | ![]() ![]() ![]() ![]() (5 von 6) |